• Daniel Siebert

Meine ersten Erfahrungen mit der japanischen Kalligrafie (Teil I)

In meinen Augen ist es nicht hoch genug zu bewerten, auch mal über den eigenen Tellerrand hinaus zu schauen, vielleicht findet man auch in Bereichen, von denen man es nie gedacht hätte, Inspirationen, sei es technischer oder spiritueller Natur.

Ein Wunsch von mir war es schon lange, einen Kurs in japanischer Kalligrafie zu besuchen. Hier in Düsseldorf ist die japanische Kultur fester Bestandteil des Alltags, sodass es ein Leichtes war, einen Kontakt herauszufinden. Flott noch eine Freundin gefragt, ob sie nicht auch Lust hätte, und schon saßen wir zu zweit für die ersten 90 Minuten Unterricht an Rie Wadas großem Holztisch.


Ich wollte bewusst keine besondere Erwartungshaltung aufbauen, sondern mich einlassen auf alles, was kommen mag. Mein Minimalziel war insgeheim dennoch, Inspiration und neuen Drive zu finden, wieder mehr zu schreiben, da das in den letzten Wochen leider komplett zu kurz gekommen ist. Zur Begrüßung gab es - noch vor dem Tisch wohlgemerkt - bequeme Hausschuhe und heißen Pur Eh Tee. Dann ging es als erstes an Basics wie z.B. der Pinsel gehalten werden soll, nämlich "auf 11 Uhr", sprich die Spitze zeigt leicht nach links oben. Die Hand solle nicht abgelegt werden, sodass die ganze Bewegung aus dem Arm geschieht (gar nicht so leicht, wenn man sein Leben lang wie ein geprügelter, rheumatischer, alter Duschvorhang über seinen Texten klebt). Dann wurden fleißig die Grundstriche geübt. Gerade nach rechts, nach unten, gleichmäßiges Ende, spitzes Ende, Punkte, Schrägen, Bögen. Was super einfach aussieht, ist gar nicht mal so super einfach, das wird mir schnell klar, hatte ich doch Ewigkeiten keinen Pinsel mehr in der Hand. Da hilft es auch nicht, wenn Rie die Striche mit auf 11 Uhr festbetonierter Pinselspitze vorschreibt. Bei mir sieht es so aus, wenn die Kompass App in der U-Bahn den Norden sucht.


Mir gefällt die Brücke zur, ich nenne es mal, japanischen Kultur: Ausatmen beim Pinselschwung, nicht verkrampfen, locker bleiben, nicht zu viel Druck, alles soll fließen und das Schriftbild tanzen.


Am Ende des ersten Termins dürfen wir die einzeln gelernten Strichtechniken noch am Wort "Leben" probieren. Ich merke, wie ich viel zu sehr nachdenke: "Bleib ja auf 11 Uhr", locker bleiben, welcher Strich kommt nochmal als nächstes? Reicht die Tusche für den Rest des Wortes?

Wo Rie eben noch wie Shakira über das Papier hüftschwang, stehe ich hier am Tresen, wippe mit dem Fuß und nippe am dritten Bier.


Dass die ersten 90 Min mittlerweile passé sind, fällt mir erst auf, als ich aus den Schlappen raus schlüpfe. Bei all den Unterschieden zur europäischen Kalligrafie, kommt mir das jedoch sehr bekannt vor: Dieser Verlust vom Zeitgefühl und eine Ausgeglichenheit, die ich sonst vielleicht so nur auf der Yogamatte finde. In diesen 90 Minuten ist es nebensächlich, was man noch einkaufen wollte oder warum das eine Tinder match noch immer nicht geschrieben hat. Alles, was zählt, ist die vollkommene Aufmerksamkeit auf den aktuellen Strich.



"Traum"

das erste Blatt

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